Die Entwicklung der sozialdemokratischen Bewegung in unserer Gemeinde hängt untrennbar mit der Industrialisierung der Eisenverarbeitung in den Ortsteilen Sierninghofen-Neuzeug und Letten zusammen. Durch den Übergang von der handwerklichen Fertigung zur industriellen Produktion wird unsere Gemeinde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Industriestandort.

Die von Josef Werndl im Jahr 1864 gegründete Fabrik in Letten bildete dabei den wichtigsten Ausgangspunkt für die ersten Organisationsformen der noch jungen Arbeiterbewegung in Sierning. Im Werk selbst waren 25 Jahre nach seiner Gründung bereits 435 Arbeitskräften beschäftigt (1889), während des ersten Weltkrieges waren es an die 1.000.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass wir im Ortsteil Letten mit dem im Jahr 1873 gegründeten Arbeiterkonsumverein Oberletten-Steyr den vermutlich ersten sozialdemokratischen Organisationsansatz im ganzen Steyrtal finden. 1880 kam es zu einer vorübergehenden Schließung, im Jahr 1889 wurde der Konsum wiedereröffnet. Im Jahr 1921 wurde die Konsumbewegung schließlich auch in Sierning (Ort) verankert. Weitere eigenständige Ansätze gab es mit dem ersten Arbeitergesangsverein im Bezirk, einer ab 1894 entstehenden Jugendorganisation, der am 18. November 1906 gegründeten Ortsgruppe der Naturfreunde in Neuzeug und einem 1897 in Neuzeug gebildeten Arbeiterturnverein, der zweiten solchen Gründung in Oberösterreich.

Für die Unterbringung der Beschäftigten wurden von Josef Werndl bis 1889 mehr als 150 Arbeiterhäuser gebaut. In Letten entstanden in dieser Zeit die 10 sogenannten „Werndlhäuser“ entlang der Lettenstraße, die noch heute als Wohnhäuser genutzt werden.

Der  Maifeier 1918 der Waffenarbeiter in Letten gingen bereits 1917 zwei Arbeitermassenversammlungen – auf denen die Forderungen nach Frieden und Lohnerhöhung im Vordergrund standen – und der „Jännerstreik“ 1918 voraus. Der eigentliche organisatorische Aufschwung der sozialdemokratischen Bewegung vollzog sich dann ab 1919.

Die Lettener Farbriksarbeiterschaft und die sogenannten Messerer spielten bereits 1919 eine wichtige Rolle. Bei den Gemeinderatswahlen 1919 errangen die Sozialdemokraten auf Anhieb 15 der insgesamt 30 Mandate. Der Neuzeuger Messerschmied Eduard Allmannsdorfer, ein altgedienter Parteifunktionär, der bereits 1913 Ortsvertrauensobmann war, bekleidete sogar für einige Zeit das Sierninger Bürgermeisteramt. Er war somit der erste sozialdemokratische Bürgermeister in der Gemeinde Sierning. Weitere sozialdemokratische Bürgermeister gab es erst wieder ab 1949.

Der Mitgliederstand der Freien Metallgewerkschaft in Letten stieg von 120 auf 820 Personen. Davon konnte auch ein Großteil für die noch junge Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) gewonnen werden. Im Juni 1922 kam es in der Umgebung von Sierning zu einem 23 Tage dauernden Landarbeiterstreik, an dem 300 Streikende beteiligt waren. Die Forderungen der sozialdemokratisch orientierten Landarbeiter waren Lohnerhöhungen und Arbeitszeitregulierung.

In der Region Sierning erreichte die Sozialdemokratie im Jahr 1921 mit 1.900 Mitgliedern ihren absoluten und bisher nie wieder erreichten Rekordstand. Die Mitglieder waren in 7 verschiedenen Sektionen organisiert und wurden von insgesamt 40 Vertrauensmännern betreut. 1920 wurden die beiden bis dahin selbständigen Lokalorganisationen Neuzeug und Sierninghofen zu einer einzigen zusammengezogen. Weitere Lokalorganisationen (sogenannte Sektionen) waren Sierning (erste Ansätze bereits im Jahr 1907), Letten, Pichlern, Gründberg (Gründung im Jahr 1919 im Gasthaus ‚Bierhäusl‘) und die 1921 gebildetete Sektion Droissendorf (bei Schiedlberg).

1921 wurde in Sierning der Arbeitersängerbund „Edelweiß“ gegründet.